Für historische Aufklärung statt historischer Auslöschung
Die erneute Diskussion um eine Umbenennung der Hindenburgstraße in der Mainzer Neustadt zeigt, wie wichtig eine sachliche und differenzierte Auseinandersetzung mit der Geschichte ist. Die Freien Wähler Mainz sprechen sich gegen eine Umbenennung der Hindenburgstraße aus. Stattdessen sollte die historische Einordnung durch ergänzende Erläuterungsschilder erfolgen, wie sie bereits an zahlreichen anderen Straßen und Plätzen in Mainz zu finden sind.
Unstrittig ist: Reichspräsident Paul von Hindenburg trägt politische Mitverantwortung für das Ende der Weimarer Republik und den Aufstieg der Nationalsozialisten. Obwohl er Adolf Hitler zunächst mehrfach die Kanzlerschaft verweigerte, ernannte er ihn am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler. Die darauf folgenden politischen Entscheidungen trugen wesentlich dazu bei, die demokratischen Strukturen Deutschlands zu beseitigen und den Weg in die nationalsozialistische Diktatur zu ebnen.

Ebenso gehört jedoch zur historischen Wahrheit, dass Hindenburg zum Zeitpunkt der Benennung der Mainzer Hindenburgstraße als national verehrter Kriegsheld galt. Die Straße erhielt ihren Namen nicht wegen seiner späteren Rolle als Reichspräsident, sondern aufgrund seines außerordentlich hohen Ansehens während des Ersten Weltkriegs. Wer historische Entscheidungen verstehen will, muss sie aus der jeweiligen Zeit heraus betrachten.
Eine vollständige Umbenennung der Hindenburgstraße würde nach Auffassung der Freien Wähler nicht zu mehr historischer Aufklärung führen. Vielmehr besteht die Gefahr, dass der Anlass zur kritischen Auseinandersetzung mit dieser Person und ihrer Rolle in der deutschen Geschichte verloren geht. Straßennamen sind nicht nur Ehrungen, sondern auch historische Zeugnisse ihrer Entstehungszeit.
Daher schlägt die FWG vor, die Straßenschilder durch gut sichtbare Zusatztafeln zu ergänzen, die die historische Verantwortung Hindenburgs verständlich erläutern. Auf diese Weise bleibt die Geschichte sichtbar, ohne sie zu verklären. Die Bürgerinnen und Bürger sowie kommende Generationen erhalten damit die Möglichkeit, sich mit den Widersprüchen deutscher Geschichte auseinanderzusetzen.
Wer grundsätzlich alle Bezüge aus dem öffentlichen Raum entfernen möchte, die in irgendeiner Weise mit Adolf Hitler verbunden werden können, gerät schnell in schwieriges Fahrwasser. Als bewusst zugespitztes Beispiel verweisen die Freien Wähler auf die Mainzer Klarastraße: Klara Hitler, geborene Pölzl, war die Mutter Adolf Hitlers. Allein dieses Verwandtschaftsverhältnis kann jedoch selbstverständlich kein Maßstab für die Bewertung eines Straßennamens sein. Entscheidend bleibt vielmehr die historische Verantwortung der jeweiligen Person.
Die Freien Wähler Mainz stehen daher für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte: nicht verdrängen, nicht tilgen, sondern erklären, einordnen und sichtbar machen.
FWG Mainz
Für historische Aufklärung statt historischer Auslöschung

